Geschichte

Am Anfang stand eine mutige Idee
Vor 69 Jahren hatten zwei mutige und tatkräftige Menschen eine Vision: Ein Ort für Kinder. Ein Ort, an dem die Kriegswaisen und Flüchtlingskinder im Nachkriegsdeutschland einen sicheren Platz finden sollten, eine Schulbildung und eine solide Handwerksausbildung bekommen. So entstand 1947 das 1. Kinderdorf Deutschlands: Das Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies.

Der Schweizer Musikwissenschaftler Dr. Erich Fischer und der schlesische Arzt und Landwirt Dr. Adalbert Graf von Keyserlingk trafen sich erstmals im Mai 1946. Von diesem Zeitpunkt an hatten sie den Plan, eine Siedlung für Kriegswaisen und Flüchtlinge aufzubauen. Ein Dorf, das sich mit Betrieben und eigener Landwirtschaft auf biologisch-dynamischer Grundlage selbständig versorgt.

Die beiden setzten alle Hebel in Bewegung, schöpften Kraft aus dem Prinzip Hoffnung. Sie mussten viele Widerstände aus dem Weg räumen. Und hatten Erfolg! Bereits im Januar 1947 wurde der Verein „Pestalozzi Siedlung für Kinder" gegründet. Sie schlossen mit der alliierten Verwaltung einen Pachtvertrag über ein verlassenes Gelände mit zwölf Baracken ab. Viel Arbeit wartete auf die Gründer und die ersten Helfer. Die Gebäude waren in schlechtem Zustand. Mit viel Einsatz gingen sie ans Werk und richteten die ersten einfachen, aber wohnlichen Räume ein.
Im März 1947 kamen die ersten Kinder in das Kinderdorf: die fünf Romahn-Geschwister. Nach einer zwei Jahre dauernden Flucht fanden sie in Wahlwies ein neues Zuhause. Im Jahr 1949 ließen sich Dr. Erich Fischer und seine Frau Gertrud für immer im Pestalozzi Kinderdorf nieder - als „Großelternpaar den Schützlingen zur fröhlichen Verwendung". Mit ganzer Kraft, vielseitigen Verbindungen und praktischem Geschick setzten sie sich für das Kinderdorf ein - und nach der Währungsreform auch ihr gesamtes Vermögen. Das Kinderdorf war ihr Lebensmittelpunkt und sie waren der Mittelpunkt des Kinderdorfes.

Pestalozzi - der geistige Vater
Das erste Kinderdorf Deutschlands bezieht sich mit seinem Namen auf Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827). Schon vor über 200 Jahren erkannte der Pädagoge aus Zürich, was Kinder brauchen. Und er hat es auch benannt: „Durch die Ausbildung von Herz, Kopf und Hand soll die Erziehung eine harmonische Entwicklung fördern. Das Herz als Organ der Mitte sollte in der häuslichen Wohnstube ausgebildet werden. Der Kopf, das Intellektuelle, in der Schule und die Hand durch das Erlernen eines soliden Handwerks. Dabei ist darauf zu achten, dass sich alle drei Elemente im Gleichgewicht befinden." Auch wenn es Pestalozzi selbst für seine Einrichtung an finanzstarken Förderern fehlte, wurde seine Idee vielerorts erfolgreich umgesetzt. Und sein ganzheitlicher Ansatz wirkt bis heute im Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies.

Hermann Johannes Scheer
Einer der wichtigen Menschen für das Pestalozzi Kinderdorf Wahlwies war Hermann Johannes Scheer, ein Mann der (fast) ersten Stunde. Insgesamt 54 Kinder sind in der Familie Scheer aufgewachsen. Hermann Johannes Scheer war es, der mit Ideen und Tatkraft auch in schweren Zeiten dem Kinderdorf eine sichere Basis verschaffte. Dazu gehörte wesentlich die ständige Beschaffung von finanziellen und materiellen Mitteln. Bereits 1952 griff er die Idee der Ballonpost auf. Nach dem 2. Weltkrieg gab es in Süddeutschland keine Ballone - also bat er den bekannten Schweizer Ballonfahrer Fred Dolder, Ballonpost für das Pestalozzi Kinderdorf zu befördern. Die erste Fahrt begann in Lindau. Nach vier Stunden landete der Ballon bei Ulm, wo Hermann Johannes Scheer seinen ersten Postsack der Deutschen Post übergab. Der Preis der Karte war damals DM 1,-, heute steht das gesuchte Sammelobjekt mit € 350,- in den Katalogen des Briefmarkenhandels. So hat sich auch eine wichtige Aussage von Hermann Johannes Scheer erfüllt: „Wir wollen nicht um Geld betteln, sondern wir geben den Spendern etwas interessantes in die Hand, das ihnen Freude macht und auch noch die Chance einer Wertsteigerung bietet."

Zunächst fanden die Ballonstarts vor allem in Deutschland statt, mit der Zeit ging die Aktion um die Welt: Europa, Amerika, Afrika, Asien, Australien. Überall, wo es für Sammler interessante Anlässe gab, wurde Post befördert. Bereits bei der zweiten Ballonpost war Hermann Johannes Scheer selbst Pilot. Erst im Gasballon, später auch im Heißluftballon und dann sogar noch im Heißluft-Luftschiff. Mit über 400 weiteren Postbeförderungen wurde die Flugpost eine wichtige Einnahmequelle für das Pestalozzi Kinderdorf. Sie brachte wichtige Kontakte und entwickelte sich zu einem Sammelgebiet der Philatelisten.

Stein auf Stein
Die große Bauphase 1951 bis 1957 läutete eine neue Zeit im Kinderdorf ein. Die Holzbaracken wichen zwölf Steinhäusern. Das Pestalozzi Kinderdorf wuchs in den folgenden Jahren, baute Häuser für Mitarbeiter, für die Werkstätten und für die Gemeinschaft.

Seit 1960 ist das Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Es hat sich zu einer modernen Jugendhilfeeinrichtung entwickelt, die ihr Angebot immer wieder an die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen anpasst. Damit sie ihren Weg machen in ein selbstbestimmtes Leben.