"Das Kinderdorf als sicheren Ort gestalten"

Freitagmorgen, 7 Uhr: Jan Raisch beantwortet E-Mails vom Vorabend. „Eine Stunde Zeit nehme ich mir jeden Tag dafür“, sagt er. Als Erziehungsleiter im Pestalozzi Kinderdorf ist er vorgesetzt zuständig für Kinderdorffamilien und Wohngruppen. „Da geht es um Rechtliches, aber auch um die pädagogischen Grundsätze, die wir im Pestalozzi Kinderdorf haben. Ich verstehe mich als Prozessberater und -begleiter im Hilfeverlauf für die einzelnen Kinder in den Gruppen, die ich betreue.“ Hilfeverlauf, das ist alles, was geschieht, um das Kind bestmöglich zu begleiten – von der Aufnahme im Kinderdorf bis zur Selbständigkeit oder der Rückkehr in die Herkunftsfamilie.

8.10 Uhr: Ein Therapeut ruft an, um zu fragen, ob die leibliche Mutter eines Kindes den Screening-Fragebogen zurückgeschickt habe. Ein Screening ist eine Bestandsaufnahme aus therapeutischer Sicht, wie es dem Kind momentan geht – körperlich, psychisch, seelisch und geistig. Pädagogische Fachkräfte, Therapeut und in der Folge auch Erziehungsleitung erarbeiten sie altersgemäß mit dem Kind. Soweit wie möglich werden die leiblichen Eltern einbezogen. Das Screening ist unter anderem Grundlage für den Hilfeverlauf.

8.30 Uhr: Besprechung mit den Kollegen, der Ressortleitung Pädagogik und der Geschäftsführung. „Wir treffen uns zweimal wöchentlich“, erklärt Jan Raisch. „Es geht um zentrale pädagogische Themen, aber auch darum, wie wir das Kinderdorf als Ganzes voranbringen. Heute besprechen wir, wie wir die Traumapädagogik im Alltag implementieren können. Wir schaffen damit die fachliche Basis für unsere Pädagogen, um die Kinder rund um die Uhr gut betreuen zu können. Denn nahezu jedes Kind, das zu uns kommt, hat traumatisierende Erfahrungen gemacht.“ Das zeigt sich im Alltag zum Beispiel wenn ein Kind sich nicht an gemeinsame Essenszeiten halten kann und seine Schulbrote unter dem Bett hortet. Es konnte vermutlich nie sicher sein, wann es das nächste Mal etwas bekommt. Die Betreuer werden ihm helfen zu verstehen, dass diese Situation vorbei ist und ein gesundes Essverhalten mit ihm einüben.

9.30 Uhr: Jan Raisch macht sich auf den Weg zu Haus 4. Besprechung mit Familie von La Roche. „Die familienanaloge Betreuung, das Herzstück des Kinderdorfs, ist eine riesengroße Möglichkeit, tatsächlich Familienleben zu erfahren, emotional starke Bindungen aufzubauen und ein stabiles Umfeld zu erleben. Ich treffe mich einmal pro Woche mit jeder Wohngruppe, für die ich verantwortlich bin. Wir besprechen Themen der einzelnen Kinder, legen Maßnahmen fest, aber auch Personalplanung und welche Termine anstehen.“

13 Uhr: Erstes Hilfeplangespräch für den sechsjährigen Max (Name geändert). Nachdem der zuständige Therapeut das Screening von Max ausgewertet hat, bespricht er mit Jan Raisch, den Hauseltern, dem Jugendamt und Max‘ leiblicher Mutter den weiteren Bedarf. Max wird altersgemäß beteiligt. Er hat verschiedene Smileys vor sich liegen. Das hilft ihm, wenn die Worte nicht ausreichen. Max spielt gerne Fußball – wer kümmert sich um die Anmeldung im Verein? Wenn etwas misslingt wird Max immer wieder laut und aggressiv. Was ist der Grund dafür und wie können die Betreuer am besten damit umgehen? Hinter allem steht die Frage: Was braucht Max, um sich gut zu entwickeln und in seinem Umfeld zurechtzufinden? 

15 Uhr: Jan Raisch ist zurück im Büro. E-Mails, Telefonate und Organisatorisches stehen an. Um 18 Uhr fährt er den Computer herunter. Sein Diensthandy bleibt dieses Wochenende eingeschaltet. „Ressortleitung und Erziehungsleitung betreuen einen pädagogischen Notruf über 24 Stunden“, erklärt er. In einer Notsituation, z.B. wenn ein Kind in eine heftige Krise gerät, sind wir jederzeit erreichbar.  

Gibt es etwas, das er den Spendern sagen möchte? „Ich glaube, den Idealismus, der hinter einer Spende steckt, teilen wir auch als Mitarbeiter. Wir haben das gemeinsame Ziel, das Kinderdorf als sicheren Ort zu gestalten und das Bestmögliche für die Kinder zu erreichen.“