Damit Kinderseelen heilen können

Aktuelle Statistiken belegen, dass zwischen 65 und 85 Prozent der Kinder in Jugendhil - feeeinrichtungen traumatische Erfahrungen machen mussten. Dabei bilden auch die Mädchen und Jungen, die im Pestalozzi Kinderdorf leben, keine Ausnahme. Viele von ihnen haben bereits sehr früh in ihrem Leben körperliche Gewalt, Verwahrlosung oder sexuelle Übergriffe erlebt oder wurden Zeuge davon. Als „Überlebensstrategie“ haben sie Verhaltensweisen entwickelt, die weit ab der Norm liegen und die auf ihre Umwelt befremdend und herausfordernd wirken.

„Auch wenn die Kinder und Jugendlichen im Kinderdorf mittlerweile in einem sicheren und stabilen Umfeld leben, können sie immer wieder in ihre alten Verhaltensweisen zurückfallen“, erläutert DiplomPsychologe und Traumatherapeut Thomas Büchi. „Das kann passieren, wenn sie sich verunsichert, nicht gesehen oder überfordert fühlen. Dieselbe Reaktion kann aber auch ein ‚Trigger‘ auslösen, der mit den belastenden Situationen zusammenhängt, beispielsweise eine laute Männerstimme oder die Farbe eines Kleidungsstücks. Das kann dann dazu führen, dass sie Hier und Heute mit Dort und Damals verwechseln und sie entsprechend reagieren.“ Die pädagogischen Fachkräfte, die die Kinder im Alltag betreuen, sind dann häufig überfordert. Denn in der Ausbildung oder im Studium wird kaum etwas über den Umgang mit traumatisierten Kindern vermittelt. „Wir bieten im Kinderdorf ein breites Spektrum an unterschiedlichsten Therapien an, die den Kindern dabei helfen, ihre Traumata zu bewältigen. Doch im Alltag sind die Betreuer gefragt. Wenn es beispielsweise beim Abendessen zu einer Krise kommt, muss die pädagogische Fachkraft richtig reagieren können. Daher haben wir uns entschieden, für rund 150 unserer Pädagoginnen und Pädagogen eine Fortbildungsreihe zum Thema ‚Traumapädagogik‘ anzubieten“, so KinderdorfGeschäftsführer Bernd Löhle. „Ohne Spendengelder wäre das allerdings nicht möglich. Wir bedanken uns daher bei der Stiftung der Landesbank Baden-Württemberg und der Glücksspirale für die Unterstützung“. 

Pro Wohngruppe soll künftig mindestens ein Mitarbeiter geschult sein. Ein Einführungsseminar hat bereits stattgefunden. „Die Fortbildung hat mir gezeigt, dass es erst einmal darum geht, mich nicht persönlich angegriffen zu fühlen“, berichtet eine Teilnehmerin. „Nur so kann ich angemessen reagieren und dem Kind helfen. Neulich bekam ich die Nachricht von einem Lehrer, dass sich ein von mir betreuter Junge in der Schule völlig verweigert. Als ich den jungen Mann damit konfrontiert habe, stand er nur wie erstarrt da. Anstatt mich provoziert oder hilflos zu fühlen, konnte ich verstehen, dass dies von einer extremen Gewalterfahrung herrührt. Er wusste, dass es nur noch schlimmer wird, wenn er nicht stillhält.“

„Für alle Verhaltensweisen, die ein traumatisiertes Kind zeigt, gibt es einen guten Grund. Wir müssen das Kind nun darin unterstützen, sich dafür und für die Ereignisse von früher nicht schuldig zu fühlen. Seine Reaktion damals war sinnvoll und sicherte unter Umständen das Überleben. Heute braucht es dieses Verhalten nicht mehr, wenn es sich hier sicher fühlt“, erklärt Thomas Büchi. 

Wie das in der Praxis aussehen kann, beschreibt Markus Helmeth, der als pädagogischer Mit - arbeiter eine Zusatz-Ausbildung zum Traumapädagogen abgeschlossen hat: „Viele Kinder sind beispielsweise maßlos beim Essen. Sie essen tagsüber schon sehr viel und gehen nachts noch heimlich an den Kühlschrank. Mit einem Jugenlichen wurde dann vereinbart, dass eine Tupperdose mit einem Apfel in seinem Nachtisch liegt. Dadurch, dass er nun selbstbestimmt entscheiden konnte, wann er etwas braucht und die Heimlichkeit wegfiel, konnte er sein Verhalten ändern.“